16. Dezember 2021

Design für soziale nutzer:innenorientierte Innovationen

In vielen Städten, so auch in Wien, gibt es für Menschen mit Behinderungen immer noch viele Hürden, die sie daran hindern, am sozialen Leben teilnehmen zu können. Und das, trotz der UN Behindertenrechtskonvention, in der auch Österreich sich verpflichtet hat, die Rechte von Menschen mit Behinderungen zu fördern, zu schützen und zu gewährleisten. Gemeinsam mit unseren Projektpartnern, dem Fonds Soziales Wien und dem Dachverband der Wiener Sozialeinrichtungen, wie auch mit Betroffenen, wollten wir die Teilnahme von Menschen mit Behinderungen am sozialen Leben in Wien einfacher gestalten. Unter dem Titel Wiener Wege zur Inklusion sollte die soziale Inklusion in Wien verbessert werden, indem mehr als 100.000 Wiener:innen mit Behinderungen neue Dienstleistungen in Anspruch nehmen können.

Aber wo beginnt man ein solch komplexes Themengebiet aufzuarbeiten?

Unsere Entscheidung fiel auf einen nutzer:innenorientierten Ansatz, dem so genannten Design Thinking Ansatz. Ziel war es, gemeinsam mit Betroffenen neue Lösungen zu erarbeiten, indem wir die Nutzer:innen von Anfang an ins Zentrum des Projekts gestellt und in jeden Schritt eingebunden haben.

Insgesamt konnten so die Herausforderungen, Hindernisse, Bedürfnisse und Wünsche von 220 Personen abgeholt und in die Lösungsfindung einbezogen werden. Darunter waren Menschen mit Behinderungen, deren Familienangehörige oder Assistent:innen sowie auch andere Betroffene, wie beispielsweise Mitarbeiter:innen des Fonds Soziales Wien. Die Phase Beobachten & Analysieren war dabei besonders wichtig, denn bevor mit der Lösungsfindung gestartet werden konnte, mussten die Herausforderungen und Wünsche unserer Zielgruppe verstanden werden. Im Zuge dessen begleiteten wir einige Menschen mit Behinderungen in ihrem Alltag und führten zahlreiche Interviews, um so viele Bedürfnisse wie möglich zu erfassen.

Unsere Lösungsansätze

Die Erkenntnisse dieser Analysephase wurden im Nachgang komprimiert und zusammengefasst. Das Resultat: Sieben potenzielle Handlungsfelder:

-Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel
-Vermeidung von Gewalt
-Wohngemeinschaften
-Neue und unterschiedliche Aufgaben in den Tagesstätten
-Neue Arbeitsplätze
-Beratungsleistungen
-Beziehungen


Zu jedem dieser Themen wurden Lösungsansätze entwickelt, die im Anschluss von potenziellen Nutzer:innen, also von Menschen mit Behinderungen, bewertet und priorisiert wurden. Die besten Lösungsansätze wurden zu Prototypen weiterentwickelt, getestet und evaluiert. Schlussendlich gab es vier Handlungsfelder, die als Sieger hervorgingen: Wohngemeinschaften, Nutzung des öffentlichen Verkehrs, Vermeidung von Gewalt und die Tagesstruktur in Tagesstätten.

1. Die Schnupper WG


Aufgrund dessen, dass Menschen mit Behinderungen häufig über einen längeren Zeitraum bei ihren Eltern leben, gibt es Ängste, ihre Wohnsituation zu verändern. Der Prototyp der Wohngemeinschaft hat das Ziel, mehr Mietverträge mit kurzer Bindungsdauer zu schaffen. Kurze Probeverträge führen dazu, dass Menschen mit Behinderungen das eigenständige Wohnen unverbindlicher ausprobieren können. Dabei werden sie von sogenannten Wohn-Coaches im Leben und Zusammenleben unterstützt. Diese beaufsichtigen nicht nur die Wohngemeinschaft, sondern erledigen administrative Angelegenheiten, helfen bei individuellen Herausforderungen und sorgen für eine angenehme Stimmung.

2. Die Buddy App

Um eine einfachere Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs sicherzustellen, wurde eine Buddy-App prototypisiert. Die Funktion der App ähnelt einer Dating-App und vernetzt Personen, die eine vertrauenswürdige Begleitperson bei der Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln suchen. Ziel ist es, die Nutzer:innen – je nach Ausmaß an Unterstützung, die es benötigt – mit externen Buddies zusammenzubringen und so die Nutzung des öffentlichen Verkehrs für Menschen mit Behinderungen zu erleichtern.

3. Glücksbringer:innen

Auch Gewalt spielt im Leben von Menschen mit Behinderungen oftmals eine Rolle. Um dieser entgegenzuwirken, wurde ein Prototyp entwickelt. Dieser besteht aus einer Kombination aus verschiedenen Therapien und Kursen. Dazu zählen unter anderem Selbstverteidigung, Psychotherapie, aber auch Aktivitäten wie Theater spielen, um Menschen, die strukturelle Gewalt erlitten haben, bei der Überwindung ihrer Traumata zu unterstützen.

4. Peer-Mediator:innen

Um die Tagesstruktur von Menschen mit Behinderungen zu verbessern, entwickelten wir einen Peer-Mediations-Kurs für Peer-Mediator:innen. Dieser beinhaltet Schulungen in denen die Teilnehmer:innen lernen, wie man Menschen mit Behinderungen mehr Struktur bieten kann und diese besser auf ihre persönlichen Bedürfnisse achten können. Das bestärkt Menschen mit Behinderungen, eigenständig zwischen ihren Interessen abzuwägen und Entscheidungen zu treffen. Nach erfolgreichem Abschluss dieser Ausbildung arbeiten bereits einige der Teilnehmer:innen als Peer-Mediator:innen in den Einrichtungen der Tagespflege und des betreuten Wohnens.

Lessons Learned

Abschließend möchten wir unsere wichtigsten Lessons Learned mit euch teilen, die sicher auch für viele weitere Innovationsprojekte im sozialen Bereich relevant sind.

  • Unsere angewandte Methodik Design Thinking hat im Sozialbereich großes Potenzial. Vor allem der direkte Austausch mit der Zielgruppe hat uns geholfen, die Bedürfnisse bestmöglich zu verstehen. Würde man sich lediglich auf Gespräche mit Vermittler:innen, wie beispielsweise Angehörige oder Betreuer:innen fokussieren, könnten wichtige Informationen verloren gehen oder sogar falsch interpretiert werden.
  • Eine große Perspektivenvielfalt im Projektkernteam ist essenziell für einen erfolgreichen Abschluss. Idealerweise wird sogar eine große Anzahl an Betroffenen und Nutzer:innen direkt in das Projektkernteam eingebunden.
  • Eine unvoreingenommene und neutrale Begleitung eines Projekts, insbesondere mit dieser Zielgruppe, ist besonders wichtig für den Erfolg. Die professionelle Moderation war essenziell und hat für die Zielgruppe einiges vereinfacht. Die grafische Unterstützung vieler Formate führte zu einer großen Inklusion von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen.

Unserer Einschätzung nach war dies eines der größten Service Design Projekte im öffentlichen Sektor des deutschsprachigen Raums. Anfangs war es schwierig, die Menschen für das Projekt zu motivieren. Erfreulicher Weise wuchs die Anzahl der Teilnehmer:innen sehr rasch. Durch das Zusammenbringen von Organisationen, die zuvor miteinander konkurrierten, konnte das Projekt Wiener Wege zur Inklusion das lokale Ökosystem für Menschen mit Behinderungen stärken. Unser Ziel ist es, diesen Prozess zu standardisieren und in den übrigen acht Bundesländern Österreichs zu etablieren. Vor dem Projekt sprachen viele Menschen mit Behinderungen nur über Vermittler:innen über ihre Anliegen und Sorgen. Wiener Wege zur Inklusion bietet ihnen die Möglichkeit, ihre Stimme zu erheben und für sich selbst einzutreten. Laut dem ehemaligen Geschäftsführer des Fonds Soziales Wien war es für die Betroffenen im Projekt möglich, bei der Entwicklung neuer Dienstleistungen mitzugestalten. Das nennen wir gelebte Inklusion.


Über das Projekt Wiener Wege zur Inklusion hinaus konnten wir auch bereits bei vielen anderen Organisationen soziale Innovationsprojekte betreuen. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, mit neuen Methoden soziale Innovationen zu ermöglichen. Ihr wollt mehr über dieses Thema wissen? Meldet Euch bei uns!

Autor:innen:

Sarah Pohl, MA
Jonas Bohun, BSc (WU) MA
Sophie Rath, BSc

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